Infos für Eltern / Jugendliche / Kinder

(kleines ABC der Erziehungsfragen und der Kinder- und Jugendhilfe; wird ständig bearbeitet, erweitert, verändert und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit)

 


A-E F-J K-O P-T U-Z

Adipositas: ...

bedeutet genau übersetzt "Fettleibigkeit". An und für sich handelt es sich also zunächst einmal nicht um eine Essstörung, sondern "nur" um eine Zustandsbeschreibung. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO gelten Menschen mit einem body mass index (siehe dort) über 30 kg/m als adipös. Allerdings können maßloses Essen und die damit verbundene Gewichtszunahme sowohl eine seelische Ursache haben als auch selber schwere seelische Probleme und überaus beeinträchtigende körperliche Spätfolgen verursachen. Wenn ein Mensch sehr starkes Übergewicht hat, benötigt er/sie daher neben Gewichtsreduktion und Bewegung fast immer auch begleitende Gespräche und Beratung. Reine Abnehm- Programme, Kuren, nur Sport o.ä. helfen leider fast nie, da das Abnehmen im Kopf beginnt und gelingt.

 


 

Anorexie / Anorexia nervosa / Magersucht:

Wörtlich übersetzt bedeutet Anorexie "Appetitverlust oder -verminderung" - eine irreführende Bezeichnung, da nicht unbedingt der Appetit, sondern in erster Linie das Essverhalten gestört ist. Der Zusatz "nervosa" weist auf die psychischen Ursachen der Essstörung hin. Anorexie wird gekennzeichnet durch einen starken Gewichtsverlust, hervorgerufen durch extreme Diät oder andere gewichtsregulierende Maßnahmen. Die Unterscheidung der Anorexie von der anderen bekannten Essstörung, der Bulimie, ist im Einzelfall oft schwierig. Zwar sind beide Krankheitsbilder jeweils durch typische Merkmale gekennzeichnet, der Übergang ist jedoch fließend. Tritt eine Mischung von Symptomen auf, spricht man von einer Bulimanorexie.

Im Anfangsstadium ist es für Außenstehende schwer, eine beginnende Magersucht zu erkennen. Nach einem medizinischen Maßstab kann eine Person mit einem Body-Mass-Index (BMI) von weniger als 17,5 als magersüchtig bezeichnet werden.
Die Anorexie ist eine äußerst gefährliche Krankheit, da die Magersüchtigen bei dem Versuch, immer noch mehr Gewicht zu verlieren, die Nahrungsaufnahme z.T. völlig vermeiden, was im Extremfall bis zum Tode führen kann. Bei Mädchen / Frauen in der Altersspanne vom 15. bis zum 25. Lebensjahr findet sich die Erkrankung bei ca. 1% der Betroffenen. Jungen / Männer erkranken auch an der Magersucht, allerdings  wesentlich seltener. Die Sterblichkeit liegt nach verschiedenen Angaben zwischen 5% und 20% der Erkrankten, woran andere krankheitsbegleitende seelische und körperliche Krankheiten einen wesentlichen Anteil haben, wenn der geschwächte Organismus keinen ausreichenden Widerstand mehr entgegensetzen kann.

Magersüchtige halten sich selbst für fett, unabhängig von ihrem tatsächlichen Gewicht. Meistens erkennen sie nicht, dass sie bereits untergewichtig sind und fühlen sich immer noch "zu dick". Extrem magersüchtige Personen versuchen immer noch, an bestimmten Körperteilen Gewicht zu verlieren. Magersüchtige streben für gewöhnlich nach Perfektion und stellen sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Sie genießen das irrige Gefühl, ihren Körper "unter Kontrolle" zu haben, und sehen in der Gewichtsabnahme eine Bestätigung ihrer Leistungen. Die Betroffenen bemühen sich, ihr vermeintlich zu hohes Gewicht zu reduzieren. Zu diesem Zweck nehmen sie nur geringe Mengen an Nahrung zu sich und vermeiden Lebensmittel, die viele Kalorien enthalten. Manche Patientinnen verweigern zeitweise die Nahrungsaufnahme komplett, während zugleich das Essen / dessen Vermeidung einen zentralen Stellenwert im Leben der Betroffenen einnimmt. Neben der strengen Diät setzen viele Anorektikerinnen zusätzlich Appetitzügler, Abführmittel, sportliche Betätigung u.a. ein, um abzunehmen. Nicht wenige Erkrankte magern bis auf 30kg ab.

Durch den Gewichtsverlust und die Mangelernährung kommt es zu schwerwiegenden körperlichen Schäden. Aufgrund von hormonellen Störungen bleibt die Menstruation meist aus. Bei Beginn der Störung vor der Pubertät wird die körperliche Entwicklung meist stark verzögert. Auch Verlangsamung des Herzschlags, niedriger Blutdruck, Absinken der Körpertemperatur, Hautprobleme, flaumartige Behaarung des Rückens, Muskelschwäche, Haarausfall und Wassereinlagerung im Gewebe können als Folgen der Anorexie auftreten. Der Mineralstoffhaushalt ist in der Regel gestört. Durch die konstante Mangelernährung wird der Energieverbrauch herabgesetzt. Infolgedessen führt normale Nahrungsaufnahme unter diesen Umständen kurzfristig zu einer Gewichtszunahme. Schon eine Zunahme von wenigen Gramm löst jedoch regelrechte Panik aus. Das führt zu einem erneuten Versuch, das Essverhalten (noch strenger) zu kontrollieren. Die Patientinnen befinden sich also in einem regelrechten Teufelskreis. Abführmittel und entwässernde Medikamente sind gefährlich und unwirksam, wenn es darum geht, Kalorienaufnahme zu vermeiden. Sie können die inneren Organe, z.B. die Nieren, erheblich schädigen. Auch exzessiver Sport ist durch die Gefahr der Überlastung des Herz-Kreislauf-Systems gefährlich und kann den durch Mangelernährung geschwächten Stoffwechsel nicht "wieder auf Touren" bringen.

In westlichen Gesellschaften hat sich das Schönheitsideal seit Anfang der 60er Jahre immer mehr in Richtung eines sehr schlanken Körpers entwickelt. Übergewicht wird gesellschaftlich sehr negativ bewertet, während paradoxerweise gleichzeitig das Durchschnittsgewicht durch Wohlstand und Nahrungsüberangebot gestiegen ist. Gerade junge Frauen, die während der Pubertät körperliche Veränderungen durchlaufen und erst ein Gefühl für ihren "neuen" Körper entwickeln müssen, können durch dieses Schlankheitsideal stark verunsichert werden.

Wichtig: Wenn Sie sich fragen, ob Sie selbst oder ein/e Angehörige/r an dieser Krankheit leidet, lassen Sie sich von einer Beratungsstelle informieren und suchen Sie gegebenfalls eine/n Arzt/Ärztin auf. Bei Dick & Dünn Berlin erhalten Sie alle weiteren Informationen und ein umfangreiches Beratungsangebot.



 


Binge Eating Disorder BED:

... (vom englischen to binge on something: sich mit etwas vollstopfen), ist eine Essstörung, bei der es zu periodischen Heißhungeranfällen (Fressanfällen) mit Verlust der bewussten Kontrolle über das Essverhalten kommt. In Fachkreisen wurde lange darüber gestritten, ob dieses Verhalten als psychogene Essstörung aufgefasst werden kann, die Kriterien werden von Ernährungswissenschaftlern und Medizinern jedoch zunehmend akzeptiert. Die Behandlungsbedürftigkeit dieser Störung wird auch in Europa mittlerweile überwiegend anerkannt.

 

Man spricht von Binge Eating, wenn folgende Symptome zusammen auftreten:

  • mindestens zwei Essanfälle pro Woche über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten
  • Kontrollverlust während der Nahrungsaufnahme mit Verlust des Sättigungsgefühls
  • sehr hohe Kalorienzufuhr bei einem Essanfall
  • extrem hastiges Essen („schlingen“)
  • Essen bis zu einem starken Völlegefühl
  • der Essanfall wird nicht durch Hunger ausgelöst
  • nach dem Essanfall treten starke Schuld- und Schamgefühle und / oder  depressive Verstimmungen auf, die z.T. zum völligen sozialen Rückzug führen
  • die Betroffenen leiden unter den Essanfällen

Im Gegensatz zu Bulimikern oder Magersüchtigen ergreifen Binge Eater nach dem Essen keine Maßnahmen wie Erbrechen oder exzessives sportliches Training, um eine Gewichtszunahme durch die überhöhte Kalorienzufuhr zu verhindern. Dadurch steigt ihr Gewicht oft in kuzer Zeit erheblich an. Bei längerem Bestehen der Erkrankung treten meist schwere , u.U. irreversible Schäden am gesamten Organismus ein.

Wie Bulimiker verschweigen Binge Eater in der Regel anderen ihr gestörtes Essverhalten, auch Freunden und Familienangehörigen. Befragungen von Betroffenen legen den Schluss nahe, dass die Essanfälle ausschließlich psychisch bedingt sind und überwiegend durch negative Gefühle ausgelöst werden. Man geht davon aus, dass das Essen die Funktion hat, unangenehme Empfindungen zu unterdrücken. Es gibt die Theorie, dass so genanntes „gezügeltes Essverhalten“ (z.B. ständiges Diäthalten) ein Risikofaktor für das Entstehen von Essstörungen ist, vor allem für Bulimie und Binge Eating.

Fachleute schätzen die Zahl der Betroffenen in Deutschland auf 1,5 bis zwei Millionen und damit höher als die Zahl der Bulimiker. In den USA ergaben Untersuchungen eine Quote von etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Rund ein Drittel der Betroffenen sind Männer; es gibt keine besonders stark betroffene Altersgruppe wie bei Bulimie und Anorexie.

In der Therapie des Binge Eating Disorder spielen die auslösenden psychischen Probleme eine große Rolle. Wegen der schweren Folgeschäden des Übergewichts sollte dieses reduziert und eine Normalisierung des Essverhaltens angestrebt werden.

Vorsicht: Angesichts steigender Anzahlen von übergewichtigen Menschen in den Gesellschaften der nördlichen Hemisphäre ist ein wichtiger Aspekt zu benennen: Wenn wir bei Bitter & Süß von Gewichtsreduktion Übergewichtiger sprechen, so tun wir das mit dem Hinweis auf unseren Respekt vor dem Recht jedes Menschen, so zu sein, auszusehen und sich zu fühlen, wie er oder sie möchte (Freiheit des Lebensstils). Wir ziehen sorgfältig auch solche Untersuchungen zu Rate, die z.B. über die cardioprotektiven Nebenwirkungen leichten Übergewichts berichten und halten uns an die von der WHO festgelegte Obergrenze von BMI 30 (siehe unter BMI).

 


 

Bulimie:

Der Begriff "Bulimie" ist an das griechische "bulimos" angelehnt, was soviel wie "Ochsenhunger" bedeutet. Die Bulimie ist eine ausgesprochen häufige und recht gefährliche Krankheit. Zwei bis vier Prozent der 18 bis 35-jährigen Frauen erkranken an ihr. Bulimie kann auch in Folge oder zusammen mit einer Magersucht (Anorexie) auftreten.

Die Erkrankten erleiden 1-2 pro Woche bis mehrmals täglich sogenannte Fressattacken (Heißhunger, meist gefolgt von selbst herbeigeführtem Erbrechen), die sich in aller Regel heimlich abspielen, vom Partner oder von Familienangehörigen oft überhaupt nicht oder sehr spät wahrgenommen werden. Die Bandbreite der beteiligten Gefühle ("Ich könnt‘ dich fressen – du bist zum Kotzen!") ist enorm: höchstes Lustempfinden und Befriedigung und tiefe Niedergeschlagenheit und ein Gefühl des Versagens können sich abwechseln. Ein meist vorliegendes tiefes Schamgefühl nach einer Fress-/Brechattacke ist ein wesentlicher Grund, die Erkrankung auch vor den besten Freunden zu verstecken. Oft kommt es zum heimlichen "Mundraub" aus den Lebensmittelvorräten der Familie oder der Wohngemeinschaft, für das Kaufen der mitunter riesigen Lebensmittelmengen werden manchmal sogar Schulden gemacht. Neben dem willkürlichen Erbrechen werden auch andere Mittel eingesetzt, um den dickmachenden Effekt der großen aufgenommenen Nahrungsmenge zu verhindern: Abführmittel, exzessiver Sport, Appetitzügler, Fastenperioden, Diuretika (entwässernde Medikamente), Schilddrüsenmedikamente u.a.

Außerdem beschäftigen sich die Bulimikerinnen fast permanent mit allem, was mit Essen, Kalorien, Körpergewicht, Diät und Figur etc. zu tun hat. Bulimische Menschen können unter-, norm- oder auch übergewichtig sein, sie haben jedoch meist ein sehr schlankes Körperideal.

In fast allen Fällen wird die Gefühlswelt der Betroffenen durch das bulimische Verhalten stark beeinflusst, wobei oft nicht mehr unterschieden werden kann, welche Gefühle und Emotionen die Bulimie verursachten, sie aufrecht erhalten und durch sie entstehen. Sehr charakteristisch für Frauen mit Bulimie, aber auch für andere Formen der Essstörungen, ist ein niedriges Selbstwertgefühl, welches durch die oft jahrelange Symptomatik oft noch weiter belastet wird.

Bulimisches Verhalten ist nicht öffentlich, es führt in aller Regel immer tiefer in emotionale Einsamkeit und depressive Verstimmung - wobei die lebensgeschichtlichen Hintergründe natürlich äußerst verschieden sind. Begleitende Umstände können das Entwickeln einer Suchterkrankung (Drogen, Alkohol) oder gar einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sein. Die Bulimie hat neben diesen seelischen Konsequenzen auch, abhängig vom Ausmaß der Symptome, deutliche körperliche Folgen: Elektrolytentgleisung durch Erbrechen, Abführmittelmissbrauch und Fehlernährung, Vergrößerung der Speicheldrüsen ("Hamsterbacken"), durch die Magensäure bedingte Zahnschmelzdefekte, v.a. an den Schneidezähnen, Durchfall und Verstopfung (oft im Wechsel), Verhornungsmale an den Handrücken durch das selbst herbeigeführte Erbrechen ("Finger in den Hals"), Kreislaufprobleme u.a..

Wichtig: Wenn Sie sich fragen, ob Sie selbst oder ein/e Angehörige/r an dieser Krankheit leidet, lassen Sie sich von einer Beratungsstelle informieren und suchen Sie gegebenfalls eine/n Arzt/Ärztin auf. Bei Dick & Dünn Berlin erhalten Sie alle weiteren Informationen und ein umfangreiches Beratungsangebot.



 

Erziehungsratgeber:

Perfekte Eltern gibt es nicht. Den Anspruch kann man gleich aufgeben, wenn man seine Kinder nicht zu sehr unter Druck setzen möchte. Dennoch fühlen sich viele Eltern verunsichert und wollen sich informieren.

Wir empfehlen "Das Elternbuch". Es gibt auf die meisten Fragen umfassende Antworten, ohne die Eltern glauben zu machen, simple Erziehungstips könnten ihnen helfen. Wird weniger ein Erziehungsratgeber als eine Beschreibung der natürlichen Entwicklungsprozesse gesucht, macht man bis ins frühe Jugendalter mit den Büchern von Remo Largo wenig falsch.

Ein anderer Weg, an die Sache ranzugehen, ist sich zu fragen, was eigentlich die jungen Leute selbst über Ratschläge denken, die ihre Eltern sich holen. Ein sehr schönes und weltbekanntes Beispiel dafür ist die Abirede einer amerikanischen High School- Abgängerin, die auf allerlei Umwegen den Weg in die Literatur und die Popgeschichte gefunden hat:
Der Song "Sonnencreme" (hier eingebettet von der Youtube- Seite).

Hintergundinformationen zu "Sonnencreme" von Baz Luhrmann auf http://web.archive.org.


Essstörungen:

... sind schwere Erkrankungen mit massiven Folgeschäden für den Körper. Ständiges Beschäftigen mit Essen bzw. Nicht- Essen führt zu einer Art Ersatzfunktion für Gefühle wie Wut, Trauer, Aggression, Sehnsucht, Lust o.ä.. Auch wenn sich sicherlich viele Essgestörte falsch ernähren, handelt es sich nicht um Ernährungsstörungen sondern um seelische / psychosomatische Erkrankungen mit einer hohen Sterblichkeitsrate und Suchtcharakter, bei deren Entstehung viele Faktoren, z.B. familiäre, gesellschaftliche, genetische Ursachen, zusammenwirken. Diäten können ein Einstieg sein.

Welche Essstörungen es gibt, woran man sie erkennt, was Über- bzw. Untergewicht bedeutet, Hinweise zu auffälligem Essverhalten, Tests, Tips, Rat und Hilfe an Ihrem Ort und vieles mehr finden Sie auf den sehr informativen Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Familien mit einem essgestörten Kind brauchen in der Regel zusätzlich zur Behandlung der Kranken selbst Unterstützung und Entlastung, zum Beispiel durch eine Gesprächsgruppe für Eltern oder eine spezielle Beratung über längere Zeit.
Der NHW e.V. unterhält mit der Einrichtung "bitter&süß" eine spezielle Form der Hilfe für junge Menschen mit einer Essstörung und ihre Familien. Wir arbeiten hier sehr eng mit der Berliner Beratungsstelle "Dick&Dünn" zusammen, die seit vielen Jahren Selbsthilfe und Beratung für Betroffene, Angehörige und die Öffentlichkeit bietet.

Wichtig: Wenn Sie sich fragen, ob Sie selbst oder ein/e Angehörige/r an dieser Krankheit leidet, lassen Sie sich von einer Beratungsstelle informieren und suchen Sie gegebenfalls eine/n Arzt/Ärztin auf. Bei Dick & Dünn Berlin erhalten Sie alle weiteren Informationen und ein umfangreiches Beratungsangebot.

Lesen Sie auch: Adipositas, Anorexie, Bulimie, BMI

Sehr berührend - und Mut machend - fanden wir zwei Artikel in der Schülerzeitung "Sinnflut" der Theresienschule Weissensee. In der Ausgabe von Mai 2008 schildert eine Schülerin die ganze Ausweglosigkeit und Verzweiflung, aber auch die Stärke, die ihr die Krankheit verleiht. In der Folgeausgabe vom Juli 2008 wird auch vom - nicht zuletzt mit Hilfe der Eltern gelingenden - Weg aus der Essstörung hinaus berichtet.




Heim, Kinderheim:

Wenn in früheren Jahren Kindern mit dem Satz "...sonst kommst Du ins Heim" gedroht wurde, so geschah dies sicher nicht ohne Grund. Bis in die 1970er Jahre, mancherorts noch länger, waren Prügel, sexuelle Übergriffe und Zwangsarbeit in vielen Kinderheimen der Bundesrepublik Deutschland an der Tagesordnung. In der DDR gab es die Jugendwerkhöfe, in denen Kinder und Jugendliche praktisch wie in Straflagern gehalten wurden, um ihre Umerziehung nach unangepasstem Verhalten zu erzwingen (lesenswert dazu: Der Roman "WEGGESPERRT" von Grit Poppe).

In der Bundesrepublik wurde ca. ab den 1970er Jahren der Druck der sog. 68er spürbar. Die frisch examinierten Pädagogen setzten alles daran, Kinder und Jugendliche aus dieser Art Heim"erziehung" regelrecht zu befreien und mit ihnen gemeinsam neue, heute sicherlich vielen zu libertär scheinende, Formen des Zusammenlebens zu erproben. Aus diesen entwickelte sich nach und nach ein bunter Strauß sehr unterschiedlicher Formen sog. vollstationärer Angebote. Diese unterscheiden sich stark in Angebot, Zielgruppe, Betreuungsschlüssel, Lage und nicht zuletzt auch durch die Größe. Man achtet heute sehr auf

  • Prävention (rechtzeitige ambulante Hilfen statt jahrelanger Heimaufenthalte)
  • Dezentralisierung (keine großen Heime am Stadtrand)
  • Beachtung der Alltags- und Lebenswelt der Kinder
  • Integration / Inklusion (Behindert ist man nicht, behindert wird man)
  • Partizipation (Mitbestimmung).

Trotz aller Verbesserungen ist es natürlich auch heute noch für kein Kind angenehm, von seiner Herkunftsfamilie getrennt aufwachsen zu müssen und die meisten Kinder wünschen sich nichts sehnlicher, als genau dies (wieder) zu können. Es gibt jedoch immer wieder Lebensumstände, in denen Kinder an Leib und Leben gefährdet sind und sich auch nicht gut entwickeln können. Darum kann die Gemeinschaft / der Staat / das Jugendamt Kinder aus solchen Lebenssituationen heraus nehmen und sie vor weiterem Schaden bewahren. Hierfür braucht es die o.g. Vielfalt guter Orte, damit für jedes Kind ein genau passender Platz gefunden werden kann.

 


 

Hilfeplanung: ...

ist einer der wichtigsten Begriffe aus dem Kinder- und Jugendhilferecht. Er bezeichnet die Vorstellung, dass eine geeignete Hilfe für die von der Familie oder dem Kind benannten Probleme am besten im gemeinsamen Gespräch aller Beteiligten (z.B. Lehrer) gefunden werden kann. Das Hilfeplanverfahren ist gesetzlich geregelt, und zwar im § 36 des Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII).
Tatsächlich weiß man heute, dass der Grad der Gemeinsamkeit das wichtigste Kriterium ist, von dem die Erfolgsaussichten einer Hilfemaßnahme abhängen.
Mit anderen Worten: Gelingt es nicht, gemeinsame Ziele zu erarbeiten, sinkt die Aussicht auf Erfolg einer Hilfe. Hierbei wird deutlich, wie wichtig es ist, dass die Mitarbeiter des Jugendamtes die Vorstellungen der Hilfe- oder Ratsuchenden in regelmäßigen gemeinsamen Gesprächen anhören und ernstnehmen. Dadurch wird die Hilfeplanung aber natürlich nicht zu einer Art Wünsch- Dir- Was- Zauberladen. Man kann eher sagen, dass es im Idealfall zu einem Aushandlungsprozess kommt, an dessen Ende eine Hilfe steht, die fachlich sinnvoll, notwendig und angemessen ist und zur Lösungsvorstellung der Betroffenen passt.
In der Praxis ist dies nicht selten ein Problem, weil den Kommunen immer weniger Geld zur Verfügung steht, weshalb zunehmend der Versuch unternommen wird, nach anderen Kriterien zu steuern (meistens: einzusparen).

Zu beachten ist, dass solche Hilfen in einem besonders geschützten Vertrauensverhältnis stattfinden. Das heißt, dass Informationen nur mit Zustimmung der Betroffenen oder bei einer besonderen Gefährdung des Kindeswohles weitergegeben werden dürfen.


 

Jugendschutz, Jugendschutzgesetz:

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erklärt die wesentlichen Inhalte des Jugendschutzgesetzes so.

In der Praxis lässt das natürlich jede Menge Fragen offen, weil Gesetze ja immer ausgelegt werden müssen. Zum Beispiel fragte sich "Leviathan94":
"Wenn ich mit 16 gesetzlich um 0.00 zu Hause sein muss, darf ich ab wann wieder raus?"
Sehen Sie die Antwort auf www.gutefrage.net.

 


 


KIGGS- Jugendstudie:

Über 17000 Kinder und Jugendliche wurden von 2003 bis 2006 im Auftrag der Bundesregierung befragt, um einen aktuellen Überblick über die körperliche und seelische Gesundheit der jungen deutschen Bevölkerung und über ihr Gesundheitsverhalten zu bekommen.
Was sind die häufigsten Krankheiten? Welche Gesundheitsrisiken bedrohen unsere Kinder? Wie häufig gehen Kinder zum Arzt, wie beugen sie und ihre Eltern Unfällen vor? Wie gehen sie mit Zigaretten, Alkohol und anderen Drogen um? Ernähren sie sich gesund? Halten sie sich selbst für gesund? Ist ihnen ihre Gesundheit wichtig?
Und: Welche Zusammenhänge gibt es mit anderen Merkmalen? Mit dem Familieneinkommen? Der Anzahl der Geschwister? Der Berufstätigkeit der Eltern? Mit sportlicher Betätigung?
Hier einige Ergebnisse:

  • Übergewicht und seine körperlichen und seelischen Folgen sind die häufigsten gesundheitlichen Risiken der Kinder.
  • Heuschnupfen, Neurodermitis und Asthma treten in Familien mit niedrigem Sozialstatus und in solchen mit Migrationshintergrund im Vergleich seltener auf. Insgesamt gibt es keine Unterschiede mehr zwischen Kindern aus den neuen und den alten Bundesländern. Kinder die früher in den Kindergarten gehen, haben seltener Allergien.
  • Je älter Kinder werden, desto geringer schätzen sie ihre eigene Gefährdung z.B. durch Fahrrad- oder Inline- Fahren ohne Helm ein, darüber sind sich die Eltern oft im Unklaren.
  • Etwa jeder fünfte deutsche Jugendliche weist Symptome einer Essstörung auf. Diese Werte unterscheiden sich je nach Alter, Geschlecht und sozialem Status.
  • Die Mehrzahl der Kinder ist sportlich aktiv, allerdings mit zunehmendem Alter immer weniger.

Zu beachten ist, dass dies die erste so umfangreiche Untersuchung überhaupt war, so dass man bei vielen Ergebnissen überhaupt nicht sagen kann, ob es eine Entwicklung zum Guten oder Schlechten gibt.
Eine umfangreiche Elternbroschüre stellt diese ersten Ergebnisse ausführlicher dar und gibt Hinweise, auf was man achten sollte.

 


 

Kinderrechte:

In Deutschland sind die von der UN- Kinderechtskonvention formulierten Rechte von Kindern geltendes, einklagbares Recht.

Die wichtigsten 10 Kinderrechte:

1. Kein Kind darf benachteiligt werden.
2. Kinder haben das Recht, dass ihr Privatleben und ihre Würde geachtet werden.
3. Kinder haben das Recht, bei allen Fragen, die sie betreffen, mitzubestimmen und zu sagen, was sie denken.
4. Kinder haben das Recht, sich alle Informationen zu beschaffen, die sie brauchen, und ihre eigene Meinung zu verbreiten.
5. Kinder haben das Recht zu lernen und eine Ausbildung zu machen, die ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht.
6. Kinder haben das Recht zu spielen, sich zu erholen und künstlerisch tätig zu sein.
7. Kinder haben das Recht, im Krieg und auf der Flucht besonders geschützt zu werden.
8. Kinder haben das Recht auf Schutz vor Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung.
9. Kinder haben das Recht, gesund zu leben, Geborgenheit zu finden und keine Not zu leiden.
10. Behinderte Kinder haben das Recht auf besondere Fürsorge und Förderung, damit sie aktiv am Leben teilnehmen können.
Quelle:LOGO - Kindernachrichten zum Thema Kinderrechte



 

Kinderschutz:

Kinderschutz ist ein Sammelbegriff für rechtliche Regelungen, Maßnahmen und Institutionen, die dem Schutz von Kindern vor Beeinträchtigungen durch altersunangemessene Behandlung, Übergriffe , Ausbeutung, Verwahrlosung, Krankheit oder Armut dienen. Gelegentlich wird der Begriff auch in einem engeren Sinn als „Schutz von Kindern vor Gewalt“, nicht zuletzt auch vor schädlichen Einflüssen von seiten der Eltern, verstanden. Dabei ist zu beachten, dass das sog. "Elternrecht" (Recht und Pflicht der Eltern, die Kinder zu erziehen) ein Grundrecht ist. Es wird allerdings durch die eigenständigen Persönlichkeitsrechte des Kindes eingeschränkt, denen wiederum durch das sog. "Wächteramt" des Staates zur Geltung verholfen werden kann, wenn Kinder vor etwaigen Bedrohungen durch ihre Eltern geschützt werden müssen (Artikel 6 Absatz 2 Grundgesetz). Das bedeutet: Nur der Staat darf nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen und mit ganz besonderen Rücksichtspflichten in das Elternrecht eingreifen. Wenn er dies tut, dann müssen alle Fachkräfte sich an die Regeln des neuen § 8a des Kinder- und Jugendhilfegesetzes halten und dabei recht genaue diagnostische Leitfäden beachten, ab wann in welchem Alter von einer Kindeswohlgefährdung ausgegangen werden muss. Dennoch bleibt der Begriff Kindeswohlgefährdung ein sogenannter "unbestimmter Rechtsbegriff". Das heißt, wenn das Wohlergehen eines Kindes bedroht zu sein scheint, die Eltern sich aber gegen staatliche Eingriffe in ihr Erziehungsrecht wehren und keine Unterstützung annehmen wollen, dann muss im Einzelfall vor Gericht und mit Hilfe des Jugendamtes geprüft werden, was zu tun ist.

Der NHW e.V. bietet in seinen Kinderschutzstellen die Möglichkeit, bedrohte Kinder solange in Obhut zu nehmen, bis die Eltern die Erziehungsverantwortung (wieder) übernehmen können. Wir sind Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung DGfPI.

Wenn Sie sich Sorgen um einen jungen Menschen machen, weil sie denken, dieser wird vernachlässigt, misshandelt oder (sexuell) missbraucht, rufen Sie beim Berliner Notdienst an. Man berät Sie dort, kümmert sich um dieses Kind oder diesen Jugendlichen und nimmt Kontakt zum zuständigen Jugend- oder Gesundheitsamt auf:

Kindernotdienst (bis 14 Jahre) Telefon 61 00 61
Jugendnotdienst (ab 14 Jahren) Telefon 61 00 62
Mädchennotdienst Telefon 61 00 63
Hotline Kinderschutz Telefon 61 00 66

 

 



Orthorexie

Der noch junge Begriff Orthorexie bzw. Orthorexia nervosa wird aus der Vorsilbe "ortho" und όρεξη - orexi - Appetit gebildet. "Ortho" bedeutet so viel wie „gerade“ bzw. „richtig“. Orthorexie bezeichnet demnach eine Essstörung, die sich in einer Fixierung auf jeweils als „gesund“ angesehene Nahrungsmittel äußert.
Die exzessive Beschäftigung mit gesundem Essen und ein damit verbundener Missionseifer führt häufig zur sozialen Ausgrenzung. Eine Fixierung auf eine eingeschränkte Nahrungsmittelgruppe würde normalerweise nach einiger Zeit eines bewirken: Übersättigung und Ekel. Bei den Orthorektikern bleibt diese Reaktion und die Einschränkung der Nahrungsmittelvielfalt wird - im Gegenteil - immer rigider. Die Sorge um gesundes Essen nimmt krankhafte Züge an.

Umstrittenes Krankheitsbild
Wie die Binge Eating Disorder ist die orthorektische Störung (noch) nicht in den internationalen Katalog der Krankheiten aufgenommen, so dass man bisher nicht von einer Krankheit im engeren Sinne sprechen kann. Allerdings weisen Orthorektiker/-innen eine Reihe auffälliger Persönlichkeitszüge auf. Auch sind die gesundheitsschädigenden Auswirkungen kaum mit denen der Anorexie vergleichbar. Von ausschließlichem Verzehr von Lebensmitteln, die reich an Ballaststoffen sind, wird man wahrscheinlich anfälliger für Durchfall oder Flatulenzen; wirklich krank ist man deswegen aber noch nicht.

Soziale Auswirkungen erheblich
Gravierender sind die sozialen Auswirkungen: Orthorektiker sind häufig gesellschaftlich isoliert und vereinsamt. Das Aufstellen und Einhalten detaillierter Diätpläne, das exakte Berechnen etwa von Vitamingehalt, Nährwert und Kalorienzahl sowie die Konzentration auf die immer weniger werdenden „geeigneten“ Lebensmittel werden zum zentralen Lebensinhalt für Orthorektiker. Nicht selten geht das zwanghafte Verhalten so weit, dass ‚Notrationen' der eigenen Kost für die Zeit außerhalb der eigenen vier Wände zusammengestellt werden. Und wie reagiert die Umwelt, wenn jemand auf einer Feier ausschließlich die selbst mitgebrachten Lebensmittel verzehrt?

Einsame Missionare
Um die selbst aufgestellten rigiden Regeln einhalten zu können, ist eine starke Willenskraft notwendig. Diese geht meist mit einem übersteigerten Selbstgerechtigkeits- und Überlegenheitsgefühl einher. Auf Menschen, die sich "normal" abwechslungsreich, genussorientiert und damit gesund ernähren, wird hinabgeschaut. Der soziale Rückzug beginnt mit dem unentspannten Umgang mit Lebensmitteln und endet häufig damit, auch andere Menschen von der eigenen Vorstellung überzeugen zu wollen. Diese "Missionstätigkeit“ geht dann mit einem weiteren sozialen Rückzug einher und kann fatale Auswirkungen selbst auf das engste familiäre Umfeld haben.

 

 


 

 

Reisen für Kinder und Jugendliche:

Einmal im Jahr findet im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf eine Reisebörse für Kinder und Jugendliche statt.
Im Bürgersaal im Rathaus Zehlendorf, Kirchstraße 1/3, 14163 Berlin, können sich interessierte Eltern und Pädagogen über Reiseangebote in den Schulferien informieren. Diese traditionelle Veranstaltung im Süden Berlins ist weit über die Bezirks- bzw. Landesgrenzen hinaus bekannt. Neben den Angeboten des Jugendamtes Steglitz-Zehlendorf haben auch freie Veranstalter die Möglichkeit, ihre Programme vorzustellen.
Infos im Jugendamt Steglitz-Zehlendorf, Telefon 90299-4595.

 


Schule / Schulreform (en):

In einer Zeit, in der jede Schulreform schon fast von der ihr nachfolgenden überholt wird, veröffentlichte der Berliner Tagesspiegel am 20.9.2009 eine Utopie einer neuen Schule.

Geschrieben aus einer übergeordneten Perspektive, die sich fragt, was Kinder von der Gesellschaft brauchen und was diese im besten eigenen Interesse für sie wollen sollte. Zum Tagesspiegel...

 


 

Selbständigkeit:

Was heißt das eigentlich? Selbständigkeit bedeutet, dass ein Mensch für sich selbst sorgt, für die eigenen Taten einsteht und die Konsequenzen dafür trägt. Wie es in der Redewendung „sein Schicksal in die eigene Hand nehmen“ zum Ausdruck kommt. Dafür muss man  eine Vielzahl von Fähigkeiten erlernen und eine innere Bereitschaft gewinnen. Man muss auch in Verhältnissen leben, die dies erlauben (bspw. keine Diktatur). Außerdem hat man das ganz allgemeine Problem des freien Willens (wie frei oder wie vorherbestimmt ist der menschliche Wille ?). Und natürlich die Frage, was davon man in der Gemeinschaft umsetzen kann.

Für Eltern, Lehrer und alle anderen erziehenden Personen ergibt sich die Schwierigkeit, dass man zur Selbständigkeit eigentlich nicht erziehen kann: Wenn ich zu etwas erzogen wurde, tue ich es dann aus freiem Willen? Man kann nur eine Umgebung schaffen, in der Kinder jeweils altersangemessen angeregt werden, die nötigen Fähigkeiten zu erlernen und den Wunsch zur Selbständigkeit einzuüben. Wie man dies gut hinkriegt, darüber gibt es so viele Erziehungsratgeber in jeder Buchhandlung, im internet und in allen anderen Medien, dass wir hier keinen Überblick geben können. Unter E wie Erziehungsratgeber finden Sie aber auch auf dieser Seite ein paar Empfehlungen.

Bei den Kindern und Jugendlichen taucht oft die Frage auf: "Wie selbständig bin ich schon?" Oder auch: "Wie selbständig sollte ich schon sein / noch werden?". Für unsere Arbeit mit Jugendlichen verwenden wir einen Fragebogen  zur Selbsteinschätzung, von dem aus wir mit ihnen über ihre Ziele nachdenken.