Die Wohngemeinschaft

hat 5 Plätze und ist teilzeitbetreut, d.h. die Bewohner/-innen müssen so fit sein, dass sie nachts und in der Tagesmitte alleine sein können.

 Sie liegt in angenehmem Wohnumfeld im Berliner Süden. Sie ist gut mit dem öffentlichen Nahverkehr zu erreichen und es gibt eine große Auswahl aller möglichen Schulformen, nicht zuletzt liegt die Freie Universität Berlin gleich vor der Tür.

 

Der Tagesablauf

  • An den Wochentagen wird gemeinsam gefrühstückt.

    Dann verlässt die/der BetreuerIn die WG und die BewohnerInnen gehen entweder zur Schule, zur Ausbildung, zur Arbeit oder zum Studium. Nachmittags, wenn alle so langsam wieder in der WG eintreffen, kommen zwei Betreuer/-innen und bleiben bis ca. um 22.30 Uhr. In diesen Nachmittags- und Abendstunden gibt es Einzelgespräche, Therapie, Gruppenabend, Hausarztbesuche, Ernährungsberatung (Gruppen oder einzeln), die zum Teil verpflichtend sind. Um 18.30 Uhr gibt es das gemeinsame Abendessen. Danach ist der Abend offen. Es kann gespielt, ferngesehen, gepuzzelt, gemalt, gefaulenzt, geschlafen, gequatscht...... und und und werden.

(Näheres erfahren Sie aus einem berührenden Abschiedsbrief, den wir nach fast zweijähriger Betreuung bekommen haben.)

Schule / Ausbildung

Während des Aufenthalts bei Bitter & Süß legen wir Wert darauf, dass alle Bewohner/-innen eine Ausbildung machen, zur Schule gehen, arbeiten oder studieren. Oft ist es so, dass unsere Bewohner/-innen bei Aufnahme einen Schulplatz neu suchen müssen oder etwas tun, was sie gar nicht wollen (z.B. weil sie sich nur dazu verpflichtet fühlen, es aber nicht ihren eigenen Zielen entspricht). Dann bieten wir Unterstützung bei einer Neuorientierung, holen gemeinsam Informationen ein, begleiten bei Anmeldeverfahren etc.. Unser Hauptinteresse ist dabei, dass unsere Bewohner/-innen möglichst genau das finden, was sie wirklich wollen, so dass sie später auch die Kraft und das Durchhaltevermögen dazu haben. Nicht selten zieht ein solcher schulischer oder beruflicher Wechsel auch Auseinandersetzungen mit dem Elternhaus nach sich. Dann gehört es ggf. zu unseren Aufgaben, dafür zu sorgen, dass gemeinsam darüber gesprochen und ein gangbarer Weg für alle gebahnt werden kann. Manchmal gehört nach einer schweren Krankheit auch erstmal eine Zeit der Rekonvaleszenz zum Leben bei Bitter & Süß. Das einzige, was wir in keinem Fall akzeptieren, ist wenn es keine Perspektive und keinerlei Beschäftigung gibt, weil dies aller Erfahrung nach niemandem dauerhaft gut tut. Im Zweifel verlangen wir , dass unsere Bewohner/-innen sich eine Beschäftigung suchen (Praktikum etc.).

Freizeit / Wochenende

  • Am Wochenende ist die WG normalerweise von 9.00 bis 15.00 Uhr betreut, wenn wir nicht etwas gemeinsam unternehmen. Wir frühstücken gemeinsam und essen gemeinsam zu Mittag. Die restliche Zeit steht zur freien Verfügung. Man kann Besuch empfangen oder selber weggehen, auch Übernachtungen oder Wochenendreisen sind jederzeit möglich, falls die Gewichtsgrenzen eingehalten werden.

Die Eltern / Angehörigen

Unsere Bewohner/-innen können jederzeit mit ihren Eltern Kontakt aufnehmen und umgekehrt, auch Besuche sind kein Problem. In seltenen Fällen geben wir Rahmenbedingungen vor, wie z.B. keine Anrufe während der Mahlzeiten oder spätabends. Für die Eltern gibt es die Möglichkeit, sich telefonisch jederzeit mit den Betreuern in Verbindung zu setzen (innerhalb der o.g. Betreuungszeiten, aber nicht während der Mahlzeiten).
Wir möchten gerne in regelmäßigen Abständen mit allen Eltern gemeinsame Gespräche durchführen. Bei Dick und Dünn finden zusätzlich Einzelgespräche der Eltern mit einer Beraterin und in regelmäßigen Abständen eine Gruppensitzung für die Eltern statt (hier sollen die Eltern auch teilnehmen). Sehen Sie auch den Artikel über die Kooperation mit Dick und Dünn.

Verpflichtungen + Was man machen muss

Bei Aufnahme muss der BMI über 16,5 liegen (in ganz seltenen Fällen bestehen wir auf einem höheren Eingangs-BMI, wenn wir die Gefahr für sehr hoch einschätzen, daß ein hohes Risiko einer erneuten Gewichtsabnahme besteht und wir einer sehr schnell nötigen Wiederaufnahme in einer Klinik vorbeugen wollen).

Ziel ist immer ein BMI von 18,5 + 1 Kilo. Warum?
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt BMI 18,5 als ersten Wert, der nicht mehr Untergewicht, also nicht mehr im selbstschädigenden Sinne "krankhaft" ist. Zur eigenen Sicherheit ist es immer gut, einen zusätzlichen Puffer zu haben, eben das bewusste eine Kilogramm.

Nach oben hin wird das Gewicht ab einem BMI von über 30 als kritisch bezeichnet. Schwerwiegende Krankheiten des Stoffwechselsystems, des Nahrungskreislaufs und des Körperhaltesystems treten mit einiger Sicherheit auf. Daher gilt für die Übergewichtigen grundsätzlich, dass wir ab BMI 30 minus 1 Kilo (der Puffer) über Gewichtsreduktion reden.

Mit anderen Worten: Einen für alle unsere Bewohner/-innen (und alle anderen Menschen auch) gültigen Korridor eines gesunden Gewichtes sehen wir zwischen BMI 18,5 + 1Kg und BMI 30 - 1kg (Für genauere Informationen zur Grundlage dieser Einschätzung nehmen Sie bitte persönlich Kontakt zu uns auf.)

Es kann ein großer Erfolg sein, wenn man es z.B. schafft, einen Klinikentlassungs- BMI knapp an der Unter- oder Obergrenze drei Monate zu halten. Daher verlangen wir praktisch nie sofortige Veränderungen des Gewichtes, sondern handeln jeweils sehr individuell mit unseren Bewohnern/-innen unter Beachtung der Argumente und Anordnungen ihrer Ärzte/-innen Gewichtsziele / -korridore aus. Erst innerhalb solcher Korridore macht es Sinn, sich das Experiment "Leben Lernen" zuzumuten, vieles andere halten wir heute für Krankheitsverlängerung.

Anders als durch Übergewicht kann ein Mensch durch starkes Untergewicht (Anorexie) in akute Lebensgefahr geraten. Daher gibt es eine absolute Grenze dessen, was wir mit unseren Bewohnern/-innen "riskieren":

Nehmen sie bis unter BMI 16 ab, können sie nicht weiter in der WG bleiben, sondern müssen in eine Klinik. Dies wird normalerweise nicht plötzlich kommen, so dass mit dem/r Bezugsbetreuer/-in die Klinikeinweisung vorbereitet werden kann. Nach einem solchen Klinikaufenthalt kann man wieder zurück in die WG.

Es ist sehr wichtig, zu verstehen, dass ein solcher, die WG- Zeit unterbrechender Klinikaufenthalt kein Scheitern im eigentlichen Sinne ist. Man weiß heute, dass die allermeisten essgestörten Menschen mehrere Anläufe und in der Regel auch mehrere Auffrischungstermine in Kliniken benötigen, um sich von ihrer Krankheit zu befreien.

Weitere Verpflichtungen:

Neben diesen Gewichtsgrenzen, -korridoren und -zielen gibt es eine Reihe weiterer Verpflichtungen / Regeln, die unsere Bewohner/-innen einhalten müssen, damit die Zeit bei Bitter & Süß ein Erfolg werden kann.
  • Die Gruppe bei Dick & Dünn:
    So müssen alle an einer Gruppe bei Dick & Dünn teilnehmen. Dort treffen sich Menschen mit Essproblemen aus der ganzen Stadt und tauschen sich aus. Dies kann sehr erleichternd sein, weil sich Menschen gegenseitig unterstützen, die nicht in einem Therapeut/Patient- Verhältnis zueinander stehen. Man erfährt, dass man nicht allein ist. Es kann aber auch sehr anforderungsreich sein, weil diese oft sehr ähnliche Dinge erlebt und sehr ähnlich gefühlt haben, so dass man sich nicht verstecken kann, die anderen kennen sehr wahrscheinlich alle kleinen Tricks und Selbstbetrüge.
  • Arztbesuche:
    Alle unsere Bewohner/-innen müssen sich für eine/-n Arzt/Ärztin entscheiden (kein "Ärztehopping"), den/die sie regelmäßig aufsuchen, und den/die sie uns gegenüber von der Schweigepflicht entbinden. Wir erfragen dort regelmäßig, bei Bedarf wöchentlich, das Köpergewicht und können weitere Risiken ausschließen, z.B. eine Deregulation des Elektrolythaushaltes.
  • Ambulante Psychotherapie:
    In unserer WG gibt es keine/n Psychotherapeuten/-in, damit alle Bewohner/innen sich frei fühlen können, ihre Wahl unter den verschiedenen Methoden / Schulen zu treffen und sich jemanden auszusuchen, zu dem / der sie Vertrauen finden. Allerdings besteht die Verpflichtung, regelmäßig eine Psychotherapie wahrzunehmen. Fast alle unsere Bewohner/-innen kommen damit gut klar und profitieren sehr von der selbstgesuchten Psychotherapie.
  • Punktesystem, Mahlzeiten:
    Grundsätzlich besteht die Verpflichtung, an allen gemeinsamen Mahlzeiten teilzunehmen. Das ist leicht zu verstehen, wenn man sich klar macht, dass diese eine Art Medikation für unsere Bewohner/-innen darstellen. Allerdings braucht z.B eine schon länger normalgewichtig lebende junge Frau, die bald in ihre eigene Wohnung ziehen wird, eher weniger Reglement - und dafür eher mehr Experimentierraum. Sie will vielleicht häufiger und länger ausgehen, wird u.U. auch nicht mehr jede Nacht in der WG schlafen wollen. Daher kann sie sich nach eigenem Wunsch mit Hilfe eines Punktesystems von der Mahlzeitenverpflichtung befreien.
  • Gruppenreise:
    Einmal im Jahr verreist die Gruppe zusammen für ein bis zwei Wochen. Alle erleben dort eine hoffentlich schöne, jedenfalls besonders enge Zeit miteinander. Reisen sind aber für manche Menschen besonders anstrengende Zeiten: Einige haben nie gelernt, sich zu entspannen, können sich dies vielleicht gar nicht gönnen. Anderen fällt es schwer, tagelang so eng miteinander zu sein.
    Wir glauben, dass man schwerlich gesund bleibt, wenn man dies alles nicht kann (oder es vermeidet) und bieten die Reise daher verpflichtend an.
    D.h., unsere Bewohner/-innen müssen sich erholen !
  • Die Waage, der Ernährungsplan:
    Wir verzichten in unserer WG auf eine Waage, natürlich aber nicht auf das Wiegen.
    Der Moment, in dem ein essgestörter Mensch sich der absoluten Zahl auf der Waage aussetzt, kann sehr belastend sein.
    Nicht selten ist auch der Versuch, zu schummeln (womit der / die Betroffene natürlich immer in erster Linie sich selbst trifft).
    Wir haben den Wiegevorgang in die Arztpraxis verlagert, da dort objektive und sichere Bedingungen hergestellt werden können.

    Die Ernährungspläne unserer Bewohner/-innen hängen wir öffentlich in der Nähe des Essplatzes aus, damit jede/r sehen kann, was jede/r essen sollte.