NHW Kinderwohngruppe – das heißt Aufwachsen in Familie statt in einem Kinderheim.

Im tiefen Süden Berlins, im schönen Wohngebiet Lichterfelde West, befinden sich die beiden Erziehungswohngruppen, die jeweils vier vom Jugendamt dort untergebrachten Kindern ein Zuhause geben. Wenn absehbar ist, daß ein Kind auf Jahre hinaus nicht in der Herkunftsfamilie leben kann, dann braucht es einen sicheren Platz und gut und liebevoll versorgende Erwachsene, die sich kümmern.

In der Baseler Strasse lebt Familie Alsesser- Knobbe, mit ihren eigenen Kindern, den aufgenommenen Kindern, und Emil dem Hund in einem Zweifamilienhaus mit großem Garten. Im Erdgeschoss befindet sich eine Kindertagesstätte der evangelischen Johannes- Gemeinde, der Wohngruppe stehen das 1. Stockwerk und das Dachgeschoss zur Verfügung. Im ersten Stockwerk, wo sich das Leben abspielt, befindet sich eine sehr geräumige Küche, an deren Tisch alle Platz finden. Ferner ein Wohnzimmer, 4 Kinderzimmer und ein großes Kinderbad. Im Dach hat die Familie eine kleine abschließbare Wohnung, in der man sich mal zurückziehen kann.

In der Drakestrasse betreuen Frau Thomann und Herr Klatt 4 Kinder. Auch hier steht eine sehr geräumige Wohnung mit Gartennutzung wie auch Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung.

Wer kann bei uns wohnen ?

Wir nehmen Kinder ab 4 Jahren auf, jüngere nur im Einzelfall (bspw. Geschwister). Rechtlich handelt es sich um eine Intensivbetreuung, so können z.B. auch Kinder mit besonderem z.B. heilpädagogischem Betreuungs- oder Förderbedarf aufgenommen werden und die Gruppe ist insgesamt kleiner als üblich. Gegebenenfalls nehmen wir auch Kinder von außerhalb Berlins auf.

Zum Tagesablauf:

An normalen Tagen werden die Schüler/-innen um 6.30 Uhr geweckt, es gibt ein gemeinsames Frühstück, was sich oft lange hinzieht, da kaum je bei allen die Schule um 8 anfängt, immer mal jemand krank ist, irgendwo hingebracht werden muss usw.. Danach gibt es eine Zeit, in der Termine, Absprachen, Teamgespräch, Besorgungen und der Haushalt erledigt werden können. Dafür stehen stundenweise Putzfrau und Köchin zur Verfügung.

Der Mittag ist eine turbulente Phase, das Mittagessen, die Hausaufgaben. Am Nachmittag sind oft Termine wie Nachhilfeunterricht, Therapien, Arztbesuche, Verabredungen, Training, gemeinsame Hobbies, Bekleidungseinkäufe und natürlich Spiele aller Art. Zum gemeinsamen Abendbrot kommen alle wieder zusammen und wie bei jeder Mahlzeit gibt es viel zu erzählen. Hier kommen auch die Kinder bei der Hausarbeit zum Einsatz. Ein “Dienstplan” regelt, wer an welchem Tag zuständig ist fürs Decken und Abräumen des Tisches, fürs Ein- und Ausräumen der Spülmaschine und wer mit dem Hund geht.

Gegen 20 Uhr machen sich die Kinder so nach und nach zum Schlafengehen bereit, Kassetten werden getauscht, Bücher ausgesucht und vorgelesen, erzählt, gekuschelt, gute Nacht gesagt. Dem unterschiedlichen Alter wird dabei natürlich Rechnung getragen, aber da die Erwachsenen jetzt je nach Ausdauer noch 2-3 kinderlose Stunden geniessen können, wird diese abendliche Struktur relativ streng gehandhabt. Die Kinder profitieren davon, da sie dadurch oft nochmal eine Ruhephase für sich haben. Sie lernen, diese Zeit für sich zu nutzen und beschweren sich nur selten über diese Regelung.

Freizeit, Wochenenden, Urlaub

Zwischen allen Terminen und an den freien Wochenenden fährt die Familie meistens auf ihren Bauernhof nördlich von Berlin. Durch die vereinzelte Lage dieses Hofes finden die Kinder ideale Voraussetzungen, ihrem Bewegungsdrang nachzukommen, auf eigene Faust die Natur zu erkunden, im See zu baden und alle Arten von Abenteuern zu erleben. Die Abende werden am Lagerfeuer verbracht, es wird gegrillt und der sternenklare Nachthimmel beobachtet, der in Berlin so selten zu sehen ist.

Einen Teil der Ferien verbringt die Großfamilie gemeinsam (Zelten am Ijsselmeer, Reiterferien, Skireisen, …), aber die Kinder fahren zum Teil auch mit den Familien ihrer Freunde mit, nehmen an Gruppen- und Vereinsreisen teil etc..

Jedes zweite Wochenende gehts zu den Eltern,

…, zu Elternteilen oder Großeltern, manchmal von freitags bis Sonntags, mal auch nur für ein paar Stunden. Diese Besuche sind ebenso wie die begleitenden Elterngespräche, Familientherapie o.ä. ungemein wichtig. Die Kinder brauchen sie, um nicht den Kontakt zu verlieren. Schließlich bleiben sie ihr ganzes Leben lang Mitglied in der eigenen Familie, beim NHW leben sie nur einige Zeit.
Nicht zuletzt bleibt dadurch mal mehr mal weniger die Hoffnung bestehen, dass der Eine oder die Andere doch wieder nach Hause zur eigenen Familie ziehen kann.

Dauer des Aufenthaltes, Entlassungen

Die Betreuungszeit ist sehr unterschiedlich und liegt zwischen 9 Monaten und acht Jahren. Dreizehn von bisher 30 Kindern konnten nach guter und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern wieder in deren Haushalt entlassen werden. Die meisten Jugendlichen zog es nach den Erfahrungen im Kinderwohnen in unterschiedliche Wohngemeinschaften, um die nächsten Schritte in ihr eigenes, selbständiges Leben zu gehen. Ein 18-jähriges Mädchen zog mit ihrem Freund zusammen und ist inzwischen glückliche Mutter. Auch ein ehemaliger Jugendlicher ist bereits Vater, lebt aber schon nicht mehr mit Mutter und Kind zusammen.

 

Sind wir erfolgreich ?

Vielleicht die spannendste Frage: “Erreichen wir, was wir uns vorgenommen haben?”

 

Das ist schwerer zu beantworten als wir gehofft hatten.

 

 

Der NHW ist vor allem mit dem Anspruch angetreten, Kindern, die Jugendhilfe benötigen, weil sie nicht in ihrer Ursprungsfamilie leben können, ein verlässliches Zuhause zu bieten. Wir wollen ihnen weitere Beziehungsabbrüche ersparen und gleichzeitig ein realistisches Bild vom Leben in einer Familie vermitteln.
Diesem Anspruch sind wir durchaus gerecht geworden. Wir haben keines der Kinder gegen seinen Willen vorzeitig entlassen, ganz egal wie schwierig das Zusammenleben zwischenzeitlich war.

Wir haben intensive gemeinsame Erfahrungen gemacht. Dazu zählen Reisen, Feste und Feiern, die Schwangerschaft, die Geburt und das Aufwachsen eigener Kinder und nicht zuletzt auch gemeinsames Trauern bei Beerdigungen naher Familienangehöriger. Alles Dinge, die ein Familienleben ausmachen und die ein Kind in einem klassischen Heim nicht erlebt.
Auch die schon erwähnten Rückführungen in die Herkunftsfamilien betrachten wir als Erfolg. Wenn auch das Loslassen nicht immer leicht fällt.

Natürlich sind die Auszüge der Jugendlichen nie reibungslos von statten gegangen. Aber das soll es ja auch in anderen Familien geben. Wenn man allerdings zu hören bekommt, “Ihr habt mein Leben zerstört” oder “Ich hasse euch”, dann fällt es schwer sich zu sagen, dass schon alles seine Richtigkeit hatte. Bis heute haben aber alle Ehemaligen nach relativ kurzer Zeit auch wieder den Kontakt zu uns gesucht und signalisieren, dass sie gegen Ende der Unterbringung wohl doch etwas überzogen haben mit der Kritik.

Leider machen es die gesellschaftlichen Umstände Allen sehr schwer, ein eigenständiges Leben zu führen. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt und nicht so gute Schulabschlüsse tragen dazu bei, dass sich einige schon in so jungen Jahren in Situationen ohne Perspektiven befinden. Das ist dramatisch gerade für die Jugendlichen, die es schon früh im Leben nicht einfach hatten und auch unsere "Erfolgsbilanz” leidet darunter.

Dennoch tun wir was wir können und werden das auch weiterhin tun. Wahrscheinlich wird ja auch erst sehr viel später im Leben "unserer Kinder" zu sehen sein, welchen Wert unsere Arbeit hat ….